Donnerstag, 3. Juli, vier Uhr morgens, ich wachte auf und wusste: es geht los, Straßburg wartet auf mich. Anziehen, frühstücken, noch einmal überprüfen, ob ich auch wirklich alles wichtige eingepackt hatte und schon fand ich mich am Buxtehuder Bahnhof wieder. Die Gruppe, bestehend aus dem 12er-Seminarfach "Deutsch-Französische Beziehungen" und dem 10er-Wahlpflichtkurs Französisch, war pünktlich und komplett, was die begleitenden Lehrer, Herrn Knebel und Frau Dröber, erfreute.

Wir nahmen den Metronom bis Harburg, fanden uns an unserem Gleis ein und warteten. Dass das Warten noch zu einer unserer Hauptaktivitäten (neben dem Beeilen, aber davon später mehr) werden würde, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Der ICE fuhr ein und 29 Schüler drängten zu den Waggontüren verfolgten nur ein Ziel: schnellstmöglich einen Sitzplatz finden. Die Koffer wurden in die Ablagen gestemmt und so manche Dame wünschte sich vielleicht schon zu diesem Zeitpunkt nur den halben Kleiderschrank mitgenommen zu haben. Der Zug setzte sich in Bewegung, die ersten Brote wurden ausgepackt, man spielte Karten oder schloss wieder die Augen, denn man bedenke, es war immer noch sieben Uhr morgens.

Unser Ziel sollte Baden-Baden sein, dank eines Böschungsbrand und der darauf folgenden Bahnverspätung, stiegen wir aber in Offenburg aus. Von dort ging es dann direkt mit einer Bummelbahn nach Straßburg, doch vorher hieß es erst einmal: warten. Als man dann im Zug saß, der wirklich gut mit Reisenden gefüllt war, machte man erste Bekanntschaften mit dem badischen Dialekt. Wir überquerten den Rhein, und waren nun in Frankreich. Kurz darauf erreichten wir auch den Straßburger Bahnhof, und während wir unsere Koffer hinter uns her zogen, hörten wir die ersten französischen Lautsprecheransagen. Nach einer kleinen Verschnaufpause ging es dann direkt weiter zur Tramstation. Dort angelangt warteten wir, und als die Bahn dann eintraf, entbrannte in mir als Anhängerin öffentlicher Verkehrsmittel eine neue flammende Liebe. Trambahnfahren! Ein Wort, das schon sehr schön klingt und hinter dem noch so viel mehr steckt. Eine Tram also, eine Straßenbahn, die aussieht wie eine U-Bahn, die aber überirdisch auf Schienen fährt und für jede Station eine neue Ansagestimme und Melodie hat. Da braucht es keine Stadtrundfahrt mehr sondern nur eine Trambahnfahrt und man sieht und hört die Stadt. Ich war begeistert.

Aussteigen an der Station "Montagne Vert" und der aufmerksame Schüler fragte sich, warum diese Station denn nach einem grünen Gebirge benannt war. Die Antwort sahen wir einige Meter später: ein weitläufiger, hügeliger und grüner Park erstreckte sich vor uns, Rätsel gelöst. Angekommen an der Jugendherberge prasselten mehrere Sinneseindrücke auf uns ein. Was hörten wir? Eine Bahn, die auf den Gleisen nebenan entlang fuhr. Nur eine Nebenstrecke, beschwichtige uns unser Lehrer. Dass das falsch war, stellte sich am nächsten Morgen heraus, als wir durch ratternde Züge geweckt wurden, die im gefühlten 20-Minuten-Takt an der Herberge vorbei fuhren. Was sahen wir? Ein klotziges Gebäude im modischen grau-gelb und ein Sicherheitszaun um das gesamte Gelände. Beim Eintritt in die Herberge ging es weiter: Wie fühlten wir uns? Erschöpft. Was lag vor uns? Eine lange Treppe mit vielen Stufen in die erste Etage. Nachdem wir unsere Koffer nach oben gebracht hatten, wollten wir uns nur noch in unser Zimmer und erstmal ein bisschen entspannen. Was sahen wir? 3 Eisengestellhochbetten, kein Tisch, keine Steckdosen. Für 6 Mädchen, die deutsche Jugendherbergsstandards gewöhnt waren, war das schon eine Ernüchterung. Der Raum war eng und man witzelte, dass man hier auch gut eine abgesetzte Serie von einem privaten Fernsehsender drehen könnte, die in einem Gefängnis für weibliche Insassen spielt.

Nichtsdestotrotz motivierten wir uns wieder, verließen die Jugendherberge und machten uns auf in die Straßburger Innenstadt, wo wir mit einem Boot über die Kanäle rund um die Altstadt fahren sollten. Angekommen an der Anlegestelle mussten wir erst einmal warten. Darin hatten wir schon viel Übung und selbst der strömende Regen beeinträchtigte uns nicht in unserer Meisterdisziplin. Wir schlossen Bekanntschaft mit einem Souvenirverkäufer und konnten nach längerem Warten auf das glücklicherweise überdachte Boot. Man bekam Kopfhörer und konnte zwischen 12 verschiedenen Kommentaren auswählen, viele entschlossen sich zu Kanal Nummer 12, der Kinderkommentar. So machte man sich als Schiffsjunge auf durch die geheimnisvollen Wasserstraßen und wurde spielerisch dazu aufgefordert beispielsweise Brücken zu zählen. Das war selbst noch für Zwölftklässler ein willkommenes Vergnügen. Unsere Sicht wurde allerdings getrübt, denn im wahrsten Sinne des Wortes trübten die unzähligen Regentropfen auf den Scheiben die Sicht, sodass man alles nur noch verschwommen wahrnahm.

Als wir mit der Bootstour fertig waren, hatten wir den Rest des Tages Freizeit, da wir aber alle hungrig und erschöpft waren und der Regen immer noch weiter prasselte, entschieden sich die meisten für einen kurzen Imbiss und zogen dann die Jugendherberge einem längeren Stadtbummel vor. Man begutachtete die Toiletten für beide Geschlechter, duschte, ließ den Tag Révue passieren und schlief dann schlussendlich nach einem anstrengenden Tag ein.

Am nächsten Morgen nahmen wir das Frühstück zusammen ein und verließen die Jugendherberge dann in Richtung Freiburg. Da man aber nicht viel Zeit hatte um zum Bahnhof zu gelangen, entschied sich unser Lehrer dazu, uns ein wenig anzutreiben, wodurch die Aufforderung "Dépêchez-vous!" (auf deutsch: "Beeilt euch") zum geflügelten Wort wurde. Die Lehrer markierten die Spitze der Gruppe, und da man ihren schnellen und entschlossen Gang nur noch als stratzen bezeichnen konnte, ward Stratzburg geboren. Man setze sich in den Zug und gelangte über Offenburg nach Freiburg, wo wir planlos den Lehrern folgten und somit durch die Universität gingen und danach ins Zentrum gelangten. Dort nahmen einige bei den bekannten "Restaurant"-Ketten einen Snack ein, um dann mit gefülltem Magen an der Stadtführung durch Freiburg teilzunehmen. Der Stadtführer machte zuallererst Werbung für sich und seine Organisation und führte uns danach durch das Freiburger Münster und mehrere kleine Gassen. Dort erhielt man kurze Erläuterungen oder Anekdoten, bei denen Jahreszahlen und weitschweifige Ausführungen ausgespart wurden, wodurch die Führung abwechslungsreich und interessant gestaltet wurde. Wer nach der Führung noch Lust hatte, konnte sich bei einem Streifzug durch die Geschäfte das ein oder andere neue Kleidungsstück kaufen, wieder andere verbrachten die restliche Zeit in Freiburgs Grünanlagen oder in den kleinen Cafés oder Restaurants. Die Rückfahrt und der weitere Abend gestaltete sich eher ereignislos, sodass die meisten nach einem kurzen Einkauf bald wieder zurück in die Jugendherberge kehrten.

Der nächste Tag widmete sich ganz dem Motto "Dépêchez-vous". Mit dem Zug ging es nach Saverne, einem kleinen Ort in den Vogesen, wo "Wanderung" auf dem Programm stand. Was das wirklich bedeutete, wusste niemand. Man rechnete mit einem ausgedehnterem Spaziergang. 50 Minuten später war man schlauer, als man verschwitzt, erhitzt (sowohl das Gemüt als auch der Körper), erschöpft und ausgelaugt den gefühlten Mont Blanc erklommen hatte. "Dépêchez-vous" wurde während des Aufstiegs zum Schlachtruf der Lehrer und selbst die verzweifelten Schreie der Schüler nach einer Pause konnte den eisernen Willen der Lehrer nur kurz erweichen, danach ging es im flotten Tempo weiter. Nach dem Abstieg, der glücklicherweise weniger anstrengend war, fuhren wir mit dem Zug zurück nach Straßburg, wo der Abend gemütlich bei einer Partie Billiard ausklang.

Schon war es Sonntag. An diesem Mittag hatten wir das Glück von einer sehr sympathischen Dame durch Straßburg geführt zu werden. Auf deutsch und französisch wurde uns von den berühmten Kindern oder Besuchern der Stadt erzählt und natürlich schauten wir uns die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt an, von denen es so einige gibt, beispielsweise das gigantische Münster oder die vielen bunten Fachwerkhäuser um die Kanäle. Straßburg begeisterte mit seinem fröhlichen Charme und liebenswerten Details, wie Blumendekorationen und Wasserspielen.

Nach der Führung gingen wir getrennte Wege, da in sämtlichen Straßburger Museen freier Eintritt war, da es der erste Sonntag im Monat war. So teilten sich die Gruppen nach ihren jeweiligen Interessen auf, die einen verbrachten den Nachmittag im Schokoladenmuseum, andere frönten ihrer Vorliebe für Kunst wie zum Beispiel im Museum für moderne Kunst. In den Abendstunden wurde dann bei einer weiteren Partie Billard in einen Geburtstag reingefeiert, bei der man auch einige Briten kennen lernte und so einen netten Abend verbrachte.

Unser letzter Tag begann damit, die Zimmer zu räumen. Nachdem dies erledigt war, hatten wir den Vormittag für uns, den wir größtenteils entspannten oder für den französischen Sommerschlussverkauf nutzen. Am Nachmittag ging es dann zu "arte", wo wir uns den Sitz des Fernsehsenders leider nur von außen ansehen konnten. Danach ging wir zum Europaparlament, wo wir auf die Abgeordnete Ewa Klamt warteten, die uns durch das Gebäude führen sollte und uns einen Einblick in den Aufbau der Institution bieten sollte. Wir warteten und warten. Doch nach einiger Zeit kam die sehr gut gelaunte Ewa Klamt samt Assistentin, um uns in Empfang zu nehmen. Die EU-Abgeordnete führte sehr euphorisch durch das Gebäude und hatte scheinbar großes Vergnügen, uns die Einrichtung zu zeigen. Später erzählte sie uns noch von ihrem Werdegang und verteilte EU-Merchandise. Für sie ging es dann ins Parlament und wir schauten uns das Parlament von den Zuschauerrängen an. Über Kopfhörer konnten wir die Abgeordneten in 22 Sprachen anhören, da die Dolmetscher in alle Sprachen übersetzen. Einige empfanden die One-Minute-Speeches (ein Abgeordneter darf eine Minute lang über ein Thema, das die EU betrifft und seine Aufmerksamkeit gewonnen hat, sprechen) als sehr interessant, immerhin bekommt man so in einer Stunde viele Informationen zu verschiedenen Themen, andere empfanden es eher als langweilig. Die Meinungen gingen also auseinander, auf einen gemeinsamen Nenner kam man dann allerdings als man im "Resto Kool" seinen letzten französischen Imbiss einnahm: nämlich Burger und Pommes.

Mit gefülltem Magen liefen wir zum Bahnhof, nahmen Abschied von Straßburg und fanden uns in Offenburg wieder. Dort durften wir warten. Eine ganze Stunde lang, bei Nacht auf unseren Nachtzug. Die jungen Menschen überdrehten, trieben Schabernack um letztendlich nach langer Wartezeit in ihren Schlafsesseln Platz zu nehmen. Schlafen sollten wir also, doch unsere zarten Körper konnten bei lautstarkem Rattern, Ruckeln, Kälte, Neonlicht und unbequemen harten Sesseln nur phasenweise Schlaf finden.

 

Als wir am nächsten Morgen in Buxtehude ankamen, konnten wir sogar schon übermüdet ein Résumé ziehen: Straßburg ist schön, Nachtzüge eher nicht so.

 

Und letztendlich kann ich für mich sagen: Straßburg, ich mag dich, deine niedlichen alten Häuser, dein eigenes Flair, deine Trambahn, ich werde wiederkommen.

Katharina Garves