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Rom und Latein

Warum heißt die Sprache der Römer nicht „Römisch" - so wie die Franzosen Französisch, die Italiener Italienisch und die Deutschen Deutsch sprechen? Oder müsste man nicht die Römer eigentlich „Lateiner" nennen?
Latein ist ursprünglich tatsächlich die Sprache der Latiner, ein nach Mittelitalien eingewanderter Stamm, der sich am Tiber niederließ - Latium nannte man dieses Gebiet. Die Region um Rom heißt heute noch Lazio; Fußballfans kennen den Verein Lazio Rom. Etwa vom 8. bis zum 6. Jh. v. Chr. geriet diese Gegend unter den Einfluss der Etrusker, die damit auch auf die Sprache der Latiner einwirkten; so nimmt man an, dass etwa der Name Roms aus dem Etruskischen stammt. Lateinisch heißen die Etrusker übrigens „Tusci"; die Bezeichnung findet sich heute noch im Namen der Region Toscana wieder.
Um 500 v. Chr. konnten die Latiner die Herrschaft der Etrusker abschütteln. In der Legende findet sich diese Entwicklung wieder in der Vertreibung des letzten Königs, Tarquinius Superbus, die 510/09 v. Chr. stattgefunden haben soll. Rom wurde nun zum politischen Mittelpunkt der Region, und so wurde auch die lingua Latina, die „latinische Sprache", zur Sprache der Römer.
Die weitere Verbreitung der lateinischen Sprache hängt eng zusammen mit politischen und kriegerischen Ereignissen und Entwicklungen. Bis ins 3. Jh. v. Chr. hinein wurden die Römer durch eine Reihe von Kriegen zur vorherrschenden Macht im Gebiet des heutigen Italien. Doch sprachen die Menschen außerhalb Latiums durchaus weiter andere Dialekte und Sprachen. In Süditalien war und blieb das Griechische weit verbreitet. Erst nachdem sich die Italiker, andere Volksgruppen in Mittelitalien, 89 v. Chr. in einer kriegerischen Auseinander-setzung mit den Römern das römische Bürgerrecht erkämpft hatten, übernahmen sie auch vollends die Sprache.
Darüber hinaus hatten die Römer begonnen, ihren Einflussbereich im gesamten Mittelmeer-raum immer weiter auszudehnen. In den Kriegen mit Karthago stand der westliche Mittel-meerraum im Vordergrund, die Makedonischen Kriege führten die Römer nach Osten, nach Griechenland und Kleinasien (heutige Türkei). Mit den römischen Legionen verbreiteten sich auch die römische Lebensart und natürlich die Sprache in Europa und Nordafrika, ein Vorgang, den man auch Romanisierung nennt. Zur Zeit von Caesar und Augustus war Latein die Sprache, in der man sich rund um das Mittelmeer verständigen konnte.

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Von der Sprache zur Literatur


Bis sich aus der Sprache auch eine Literatur entwickelte, brauchte es etwas Zeit. Literarische Beschäftigung galt den Römern ohnehin lange als wenig schick, eher widmete man sich der praktischen Politik - und dem Krieg. Solange die Sprache nicht in größerem Umfang verschriftlicht wurde, war sie auch weniger „genormt" und sah so durchaus etwas anders aus, als man das aus dem klassischen Latein kennt. Eine Grabinschrift für einen berühmten Römer aus dieser „vorliterarischen Zeit" liest sich so:
Honc oino ploirume consentiont R[omane]/ Duonoro optumo fuise viro/ Luciom Scipione.

In klassischem Latein, so wie es heute im Lateinunterricht gelehrt wird, hieße das:
Hunc unum plurimi consentiunt Romani bonorum optimum fuisse virum, Lucium Scipionem.

(Dieser eine Mann, darin stimmen die meisten Römer überein, ist der beste der tüchtigen Männer gewesen: Lucius Scipio.)

(Text nach: H. Krefeld (Hrsg.), Res Romanae. Neue Ausgabe Berlin 2008, S. 269.)

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Literarisch waren noch eher die Griechen maßgeblich, und das erste größere „literarische" Werk in lateinischer Sprache ist dann auch die Übersetzung eines griechischen „Klassikers": Die „Odusia" des Livius Andronicus ist eine lateinische Fassung der homerischen „Odyssee". Damit beginnt aber ein Prozess der Sprachentwicklung, der zur Herausbildung einer literarischen Hochsprache, der Schriftsprache, führt. Sie unterscheidet sich zunehmend vom gesprochenen, alltäglichen Latein. Während die Schriftsprache immer weiter ausgefeilt und bestimmten Regeln unterworfen wurde, ist davon auszugehen, dass die alltägliche Umgangssprache der einfachen Leute (sermo vulgaris) stärkeren Veränderungen und Entwicklungen ausgesetzt war, was sich z. B. im verwendeten Wortschatz zeigt. Allerdings gibt es nur wenige Zeugnisse dieser Umgangssprache, etwa in Wandkritzeleien (Graffiti) aus Pompeji:

Secundus Prime (statt Primae) suae isse (statt ipsae oder ipse) salute (statt salutem).
Secundus grüßt seine Prima persönlich, wo immer sie auch ist.

Faustianum, Faust(ianum), puellarum delirius, calos qoponi (für coponius)
Faustianus, Faustianus, Schwarm der Mädchen, schöner Kellner

(Text und Übersetzung nach: Karl-Wilhelm Weeber, Decius war hier ... Düsseldorf ³2003, S. 21/113.)

Die Sprachebenen der Literatur- und der „Volkssprache" entwickelten sich recht weit auseinander. Gerade die ungebildeten Bevölkerungsgruppen hatten wohl keinen unmittel-baren Kontakt mit der Literatursprache. Zwischen diesen beiden Sprachschichten findet sich die Umgangssprache der gebildeten Stadtrömer bzw. der römischen Oberschicht (sermo cottidianus). Ihr Vorbild war die Literatursprache, die aber nicht mit aller Strenge durchge-halten wurde.

Die Werke, die heute oft Gegenstand des Lektüreunterrichts im Fach Latein sind, stammen großenteils aus der Blütezeit der lateinischsprachigen Literatur, dem ersten vor- und nach-christlichen Jahrhundert. Der Politiker und Anwalt Cicero hat mit der Veröffentlichung seiner politischen und juristischen Reden sowie Schriften zur Theorie der Rede nicht nur rhetori-sche Maßstäbe gesetzt, sondern durch seine philosophischen Werke den Römern auch die griechische Philosophie nahe gebracht und überhaupt erst eine Sprache hierfür ausgeprägt. Caesar hat mit seiner klaren Sprache, in der er die Rechtfertigung seiner politisch-militärischen Handlungen verpackt hat, ebenfalls sprachliche Maßstäbe für elegantes Latein gesetzt. Wenn es allerdings gerade im Zusammenhang mit Caesar gelegentlich heißt, er habe „einfaches Latein" geschrieben, darf man dabei nicht ganz vergessen, dass es sich dennoch um Literatur und damit um hochsprachliche Texte handelt.
Die Geschichtsschreiber Sallust und Livius sowie der Philosoph Seneca gehören ebenso in diese literarische Blütezeit wie die berühmten und so unterschiedlichen Dichter Catull, Vergil, Horaz und Ovid.


Typisch Latein

Die lateinische Sprache zeichnet sich durch manche Eigenheiten aus, die sie zugleich auch von der deutschen Sprache unterscheiden. Wer Latein lernt, lernt auch sehr schnell einige dieser Eigenheiten kennen. Die Wortstellung ist im Lateinischen freier als im Deutschen. Besonders schnell erfahren Lateinschülerinnen und -schüler dies am Beispiel „Prädikat": Es steht in lateinischen Sätzen meist am Ende - kann aber auch an anderen Positionen auftauchen. Das Deutsche ist da ganz streng: In deutschen Hauptsätzen steht das Prädikat an zweiter Stelle, und zwar immer.
Typisch ist auch die Vielzahl an Wortformen, die sich in den verschiedenen Endungen zeigt. Man spricht auch vom „Flexionsreichtum". Flexion ist der Oberbegriff für die Veränderung eines Wortes, die man bei Substantiven Deklination, bei Verben Konjugation nennt. An den Wortstamm können - wie bei einem Baukasten - unterschiedliche Endungen angefügt werden, die dann unterschiedliche Bedeutungen signalisieren.

ride-o = ich lache             ride-t = er/sie lacht

amic-us = der/ein Freund         amic-i = Freunde

amic-us = der Freund         amic-um = den Freund

An den Endungen kann man ablesen, welche Person handelt („ich" oder „er") oder ob ein Wort im Singular oder im Plural steht (nur ein Freund oder doch mehrere Freunde?). Außerdem verraten die Endungen, ob jemand selbst handelt, er also das „Subjekt" der Handlung ist, oder ob er das „Objekt" der Handlung anderer Personen ist.
Diese Endungen leisten viel. Für manche dieser Leistungen verwendet das Deutsche eigene Wörter, die das Lateinische so nicht kennt oder nur sehr sparsam verwendet. Der Artikel „der/die/das" gehört dazu, den es im Lateinischen nicht gibt, ebenso die Personalpronomina („ich"/„du"...), die im Lateinischen meistens nicht ausgeschrieben werden. Daher kommt Latein oft mit weniger Worten aus als Deutsch. Der Formenreichtum unterscheidet das Lateinische auch deutlich vom Englischen. Kasusendungen sind im Englischen Mangelware, stattdessen werden viele Präpositionen vor den Wörtern verwendet. Die vielen Endungen werden von denen, die Latein lernen, manchmal als anstrengend empfunden, vor allem dann, wenn man sie erlernen muss. Aber sie zeigen, dass vieles in der lateinischen Sprache sehr systematisch funktioniert. Als System ist Latein durchschaubar und gewissermaßen berechenbar.


Latein ohne Römisches Reich

„476 (Vier-Sieben-Sechs) - Rom war ex." Mit der Eroberung Roms 476 n. Chr. wird oft das Ende zumindest des Weströmischen Reiches verbunden. Wandernde Völker hatten dem Römischen Reich schon seit längerer Zeit an seinen Grenzen zu schaffen gemacht, und zum Ende des 5. Jh. konnte der Westteil des Reiches diesen Herausforderungen nichts mehr entgegensetzen. Auf dem Gebiet des untergegangenen Reiches bildeten sich neue Herrschaften von unterschiedlicher Dauer. Dennoch verschwand die lateinische Sprache nicht. Latein war die offizielle Verwaltungssprache im Reich gewesen und blieb Kommunikationssprache in Europa. Dazu trug nach dem Verschwinden der römischen Reichsverwaltung eine andere, umfassende Organisation bei: die christliche Kirche.
Hatten sich christliche Schriftsteller zunächst an der Hochsprache orientiert, nahm das kirchliche Latein doch auch Veränderungen in die Sprache mit auf. Bibelübersetzungen ins Lateinische orientierten sich zudem mehr an der Volkssprache, dem sog. Vulgärlatein, denn die Zielgruppe dieser Übersetzungen, breite Teile der Bevölkerung, stand der literarischen Hochsprache fern. So ging dem klassischen Latein, wie es Caesar und Cicero schrieben, mit der Auflösung des Römischen Reiches weitgehend die Puste aus, während das Kirchenlatein weiter Verwendung fand. Dadurch, dass sich die aufstrebenden Franken, die ihr Herrschaftsgebiet in Mitteleuropa vom 5. bis zum 8. Jh. mehr und mehr vergrößerten, taufen ließen und das Christentum annahmen, wurde auch hier Latein als die Sprache des Christentums weiter verwendet - wenn auch in sehr unterschiedlichen Beherrschungsformen.


Latein in Mittelalter und Neuzeit

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Veränderungen in der Sprache hatte es natürlich auch schon während des Bestehens des Römischen Reiches gegeben. Ohne die organisatorische Klammer des Reiches erfolgte insgesamt eine stärkere Ausprägung von regionalen Unterschieden und sprachlichen Veränderungen. Dies gilt für die Sprache der Literatur, aber noch mehr für die Alltagssprache der Menschen.
In der Zeit Karls des Großen (um 800) wurde im fränkischen Reich - also nahezu in ganz West- und Mitteleuropa - die Hochsprache Latein einer gründlichen Revision unterzogen. Das klassische Latein der nichtchristlichen und der christlichen Autoren erfuhr im Zuge einer Bildungsreform wieder stärkere Berücksichtigung und erhielt eine Vorbildfunktion. Gleichzeitig wurde aber auch das gängige Kirchenlatein als weitere Richtschnur angesehen. Aus dieser Reform entstand ein Latein, das als Mittellatein bezeichnet wird und in den folgenden Jahrhunderten als Sprache der europäischen Literatur, der Bildung und der Wissenschaft diente. Während die Humanisten im 14. und 15. Jh. mit der Rückbesinnung auf die Antike und ihre Autoren noch einmal dem klassischen Latein besondere Beachtung schenkten, verdrängten etwa ab dem 17. Jh. die Nationalsprachen mehr und mehr Latein als übernationale Sprache der Bildung und Wissenschaft. 1688 wurde an einer deutschen Universität erstmals eine Vorlesung in deutscher Sprache gehalten - von dem Juristen Christian Thomasius in Leipzig. Die Entwicklung hin zu den Nationalsprachen sowohl in den Werken der Literatur als auch im Wissenschaftsbetrieb vollzieht in gewisser Hinsicht nach, was sich in der Alltagssprache schon lange vollzogen hatte.
Bei der alltäglichen Volkssprache gestaltet sich die Entwicklung nämlich anders. Vom 6. bis zum 8. Jh. verstärkten sich die verschiedenen Dialekte in den ehemaligen Reichsteilen, eine Entwicklung, die dann im 9. Jh. und danach zur Herausbildung der romanischen Sprachen in Europa führte: Aus der lateinischen „Muttersprache" heraus entstanden Italienisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, das Rätoromanische und Rumänisch. Nicht unerheblich ist der Anteil des lateinischen Vokabulars am Englischen, was sich besonders auch bei modernen Wort-Neubildungen zeigt. Der Computer ist ja nichts anderes als eine Rechenmaschine, lat. computator von computare - abrechnen, berechnen.


Latein heute

Freunde der lateinischen Sprache pflegen sie auch heute noch. An Universitäten wird bei besonderen Anlässen und Ereignissen auf Latein zurückgegriffen, und besondere Fans pflegen das gesprochene lateinische Wort im „Colloquium Latinum". Im universitären Alltag werden an vielen Hochschulen Lateinkenntnisse für die Aufnahme v. a. sprachlicher Studiengänge, aber auch für Geschichte oder Theologie gefordert. Radio Bremen und der Finnische Rundfunk veröffentlichen regelmäßig Nachrichten in lateinischer Sprache, und manchmal findet man lateinische Wortbildungen in modisch oder medizinisch klingenden Produktnamen. In den romanischen Sprachen ist Latein natürlich lebendig, und die katholische Kirche verfasst, ihrer langen Tradition gemäß, ihre offiziellen Lehrschreiben, die Enzykliken, lateinisch.
Als Fremdsprache im Gymnasium wird Latein nach wie vor nachgefragt und gelernt. Das Fach Latein, das Erlernen der Sprache Latein bietet Möglichkeiten, die es neben den anderen, modernen Fremdsprachen zu einer echten Alternative bzw. Ergänzung machen. So hat das Schulfach glücklicherweise bisher die Versuche, Latein als eine verstummte Sprache zu einer „toten" Sprache zu erklären, überstanden und sich als Schulfach so veränderungs- und modernisierungsfähig erwiesen wie die Sprache selbst.

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Zum Weiterlesen

W. Eisenhut, Die lateinische Sprache. München 61989.
H. Krefeld (Hrsg.), Res Romanae. Neue Ausgabe Berlin 2008.
W. Stroh, Latein ist tot, es lebe Latein! Berlin 62007.

(Mas)


Illustrationen dieses Beitrags

Die Fotos bilden ein tolles Poster von ganz ungewöhnlichen Ausmaßen ab, das Sebastian Brückner erarbeitet hat.