Intern

Termine

Zeugniskonferenzen für die Klassen 5-11:

8. und 9. Juli (13:30 Uhr bis 17:00 Uhr)

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Interview Herr Tetsch/Neureuter

Das Interview führte: Jan Rosenboom

Wie sind Sie überhaupt dazu gekommen, nach Fukushima zu reisen? Haben Sie eine persönliche Beziehung zu Menschen die dort wohnen?

Tetsch02

Ich war 2011 zwei Mal in Tschernobyl, dann geschah ja Fukushima und deswegen habe ich gesagt, das muss ich mir auch angucken, da möchte ich auch berichten, was sie normalen Medien vielleicht nicht so erzählen und das ist sehr, sehr schwer natürlich, weil ich kein Japanisch spreche und weil diese ganzen Gebiet ja abgeschlossen sind, da kommt man also nur mit einer Sondergenehmigung herein. Ich habe dann aber in Deutschland 2012 einen japanischen Umweltschützer gehört, der hat einen Vortrag gehalten in Berlin und dann habe ich ihn angesprochen und gefragt, ob er nicht Lust hätte, für mich Kontakte herzustellen in Japan. Und dann hat er mir Kontakte zu Journalisten vermittelt, zu Umweltschützern, zu ein paar Politikern zu Ärzten und zu Eltern, deren Kinder durch die Strahlung betroffen sind. Dann haben wir zusammen ein Besuchsprogramm für 3 ½ Wochen ein Besuchsprogramm ausgearbeitet, wo dann genau festgelegt war, wen treffe ich wann und wo usw. Ich hatte auch immer zwei, drei von den Journalisten oder Umweltschützern um ich, die entweder Deutsch oder Englisch gesprochen haben, da ich natürlich nichts von dem verstanden habe, was die Japaner mir so erzählt haben, das war insofern ganz gut.

Wann waren Sie vor Ort in Fukushima?

Ich war bisher nur einmal dort, und zwar von Mai bis Juni 2013, also im letzten Jahr. Ich würde eigentlich gerne noch einmal dort hin, aber es gibt in Japan inzwischen ein Geheimhaltungsgesetz, das auch insbesondere das Thema Fukushima ziemlich abschottet, Journalisten haben es sehr schwer, es gibt Gefängnisstrafen, die auf unbequeme Recherchen stehen, und insofern fahre ich erstmal nicht hin und halte die Füße still. Es wird auch immer schwieriger, sogar Informationen aus Japan zu bekommen, weil die Menschen sagen: „Wir haben Angst, dass wir dann eventuell Probleme bekommen.“

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Das Erdbeben in Japan ist mittlerweile über drei Jahre her, wie sieht es dort jetzt aus, ist noch immer alles verwüstet, wie muss man sich das vorstellen?

In der 30km Sperrzone ist weiterhin alles verwüstet, dort ist nichts aufgeräumt worden, da ist alles verwüstet, da liegen weiterhin die Autos auf dem Dach, da sind die Häuser zerstört, da sind die Bäume entwurzelt, da liegt teilweiser immer noch der Schlamm über den Wiesen. Die Reisfelder sind vollkommen kaputt. Da sind nur einmal ein paar Truppen durchgelaufen um die Leichen der Erdbeben- und Tsunamiopfer zu bergen. Außerhalb von der Sperrzone, in den weniger verstrahlten Gebieten, da wird wieder aufgebaut, da sagen die Leute: „Wir wollen die Katastrophe jetzt möglichst vergessen, wir wollen es wieder wie vor dem Unglück aufbauen.“ Interessant ist, dass die wohl begriffen haben, dass die Häuser jetzt nicht mehr direkt am Meer stehen, sondern ein bisschen weiter im Hinterland, damit bei einem Tsunami wahrscheinlich nicht mehr allzu viele Menschen sterben würden.

Die Nächste Frage betrifft dann auch die Menschen in Fukushima, wie geht es ihnen dort, auch in dieser Sperrzone, können sie schon wieder in ihre Häuser zurückkehren und wie sieht es dort aus?

Die Sperrzone ist weiterhin so stark verstrahlt, dass Menschen dort nicht dauerhaft leben dürfen und insofern sind ungefähr 130.000 Menschen immer noch in Wohncontainer und in Flüchtlingsunterkünften untergebracht. Das sind ja eigentlich Flüchtlinge im eigenen Land, die vor dem Atom geflohen sind. Die Problematik besteht, dass man diese Sperrzone von 30km nicht einfach „sauber machen“ kann. Die Radioaktivität ist staubkorngroß, oder noch weniger groß und man muss sich vorstellen, das ist ein Gebiet so groß wie Schleswig-Holstein, das bewaldet ist, das Berge hat, das Hügel hat. Und da wirklich diese staubkorngroßen Partikel aufzusammeln, das geht einfach nicht. Es wird viele, viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte dauern bis der Wind und der Regen die Partikel letztendlich in das Meer in den Boden und in die Flüssen getragen haben und am wahrscheinlichsten ist es, das es wirklich noch länger dauert bis diese Stoffe wirklich vollständig zerfallen sind und nicht mehr strahlen, aber das kann teilweise tausende von Jahren dauern.

Ist denn die Unglücksstelle inzwischen unter Kontrolle? In den Nachrichten hörte man ja gelegentlich noch von Problemen mit ausgelaufenem radioaktivem Kühlwasser etc.

Nein, unter Kontrolle ist das weiter nicht, man weiß immer noch nicht, wo genau die radioaktive Masse, dieser radioaktive Kern der Reaktoren ist, ist der inzwischen ins Erdreich durchgeschmolzen, oder ist der noch in diesen Betongebäuden drin, das ist unklar. Zwei Informationen dazu: Seit dem ersten Tag des Unfalls fließen 400.000L radioaktiv verstrahltes Wasser jeden Tag in den Pazifik und man ist nicht in der Lage einen Damm zu bauen, da es teilweise unterirdisch in den Pazifik versickert. Die zweite Geschichte: Im September letzten Jahres, da hat man einen erhebliche neue Verstrahlung feststellen können, also in der Luft waren plötzlich ungeheuer viele radioaktive Partikel, auch auf den Reiskörnern. Da hat man lange überlegt, wo kommt die Radioaktivität her, die in dieser einen Woche so stark war? Und Tepco, das ist der Betreiber von diesen havarierten und zerstörten Kernreaktoren, hat irgendwann gesagt, dass sie in der dritten Augustwoche letzten Jahres versucht haben „aufzuräumen“. Die haben, von den Reaktoren mit ferngesteuerten Kränen versucht Trümmer wegzuheben. Dabei ist natürlich Staub aufgewirbelt mit radioaktiven Partikeln und die sind dann eben 50-100km weit geweht worden, also Entwarnung ist da noch immer nicht zu geben. Vielleicht wäre es das beste einen Sarkophag wie in Tschernobyl darüber zubauen, der wirklich alles für einige hundert Jahre abschließt, aber die Japaner sagen: „Nein wir wollen erst versuchen aufzuräumen, aber dadurch wird eben auch immer neue Radioaktivität aufgewirbelt und freigesetzt.

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In der Retrospektive: Wie hat die japanische Politik reagiert auf den Unfall? Waren die getroffenen Maßnahmen richtig, auch im Vergleich zu Tschernobyl?

Die Japaner haben vorrangig drei Dinge getan: Zunächst haben sie Sperrzonen eingerichtet. Das ist richtig, die Sperrzonen waren allerdings zu klein bemessen. Teilweise ist außerhalb der Sperrzonen die Radioaktivität höher, als in den Sperrzonen, weil sich durch das Abregnen dieser radioaktiven Partikel die Radioaktivität ungleichförmig ausgebreitet hat. Es gibt wirklich Städte und Dörfer die teilweise wirklich hoch verstrahlt sind, und andere eben recht wenig verstrahlt. Das zweitem, was die Politik gemacht hat, war einen medizinischen Berater einzusetzen, das ist auch ein richtiger Schritt, allerdings hat dieser Berater aller Wahrscheinlichkeit nach das Problem unterschätzt, also er hat letztendlich nicht die Bevölkerung so offen gewarnt und ihnen so gute Ratschläge gegeben, was sie tun können um die Radioaktivität zu vermeiden, z. B. gewisse Nahrungsmittel nicht essen oder eben gewisse Gebiet verlassen und ähnliches. Das dritte war: Die Grenzwerte wurden hochgesetzt: Um das zwanzigfache. Interessant ist, dass damit kleine Kinder, schwangere Frauen und Normalbürger genauso viel Radioaktivität abbekommen dürfen, weiterhin, wie ein Arbeiter in einem Kernkraftwerk hier in Deutschland. Das war im Grunde genommen auch richtig, allerdings ist dieser Grenzwert jetzt sehr, sehr hoch und kleine Kinder dürfen nicht so behandelt werden, was die Strahlung angeht, wie Atomarbeiter.

Deren Grenzwerte ja durchaus noch stärker angehoben wurden….

Ja, noch einmal um das 25fache, das ist eine wahnsinnige Dosis die man da abbekommen darf.

Herr Tetsch, wir danke ihnen für dieses Interview.

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